Berufsorientierung, Corona und digitales Praktikum

  Netzwerke SCHULEWIRTSCHAFT Main-Tauber-Kreis, Schwäbisch Hall, Hohenlohekreis und Heilbronn
Wie kommen Schüler und Betriebe auch in Pandemiezeiten zusammen? Warum wird von den über 300 Ausbildungsberufen von klein auf schon der Großteil unbewusst ausgeschlossen?  Wie entstehen Berufswünsche? Antworten, Forschungsergebnisse und Erfahrungen tauschten dazu 50 Akteurinnen und Akteure aus Schule und Wirtschaft beim zweiten digitalen Fachnachmittag Berufsorientierung aus.

Alle Beteiligen aus Heilbronn-Franken, Bonn und Hamm verbindet das gemeinsame Ziel, Jugendliche beim Übergang von der Schule ins Berufs- und Arbeitsleben zu unterstützen. Dazu lieferten die sieben Referenten wertvolle Forschungsergebnisse, Erfahrungswerte und Praxiserfahrungen. Veranstalter waren die vier regionalen Netzwerke SCHULEWIRTSCHAFT Main-Tauber-Kreis, Schwäbisch Hall, Hohenlohekreis und Heilbronn. Das ZSL - Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg, sorgte als Kooperationspartner für die digitale Durchführung.  

Als Hauptreferent lieferte Philip Herzer vom Bildungsinstitut für Berufsbildung in Bonn nicht nur aktuelle Forschungsergebnisse, sondern erklärte anhand der Beobachtungen als Vater zweier Kleinkinder deren Berufswahlentwicklung. Sein vierjähriger Sohn sei jedes Mal begeistert, wenn er die Müllabfuhr sieht. Da er dort nur Männer erlebe, die den Müll beseitigen, sei für ihn klar, dass das ein eindeutiger Männerberuf ist. Im Kindergarten erlebe er ausschließlich weibliche Erzieherinnen. Also sei der Beruf der Erzieherin eindeutig kein Beruf für ihn, da er ja männlich ist. Diese Berufswahl nach dem Geschlecht ist nachweislich dafür verantwortlich, dass ein Großteil der Berufe schon als Kleinkind unbewusst ausgeschlossen werden. Herzer arbeitete in seinem Vortrag „Attraktions- und Aversionsfaktoren“ in der Berufsorientierung heraus. Die Berufswahlforschung zeige, dass Jugendliche bei ihrer Wahl schon frühzeitig unbewusst viele Berufe ausschließen. Insbesondere, wenn sie in ihrem sozialen Umfeld negative Reaktionen erwarten. Dies tun Jugendliche insbesondere dann, wenn sie annehmen, dass ihr Umfeld einen Beruf aufgrund von Geschlechtszuschreibungen (männlich oder weiblich geprägter Beruf) oder dem Ansehen, den er in der Gesellschaft genießt, für unpassend für sie hält. Anerkennungsbedürfnisse der Jugendlichen bei der Berufsorientierung zu berücksichtigen, könnte daher ein wichtiger Lösungsansatz sein.

Ein anderer, vielversprechender Ansatz, der in Baden-Württemberg sehr erfolgreich umgesetzt wird, sind Ausbildungsbotschafter. Junge Auszubildende, die ihre Berufe vor Schulklassen vorstellen. Diese bieten den Jugendlichen eine gute Möglichkeit, berufliche Vorurteile zu korrigieren aber auch, bisher unbekannte Berufe kennenzulernen.   

Anschließend präsentierte Daniel Reistenbach von der Handwerkskammer Heilbronn-Franken ein konkretes Angebot der Berufsorientierung für Jugendliche: die "Passgenaue Besetzung". Reistenbach hilft kleinen und mittelständischen Handwerksbetrieben, die oft schwer zu besetzenden Ausbildungsplätze mit geeigneten Bewerbern zu besetzen. Schulabgängern bietet er passende noch offene Ausbildungsstellen in ihrer Umgebung an.

Nach den Beiträgen im Plenum gingen alle Teilnehmende in einen der vier parallel stattfindenden Workshops. 
Im Workshop "Berufsorientierung - was folgt aus der Corona-Krise? - Probleme, Erkenntnisse und Lösungsansätze“ von Prof. Dr. Petra Lippegaus, SRH Hochschule Nordrhein-Westfalen in Hamm, standen die jungen Menschen und deren Lebenslagen und Entwicklungsbedürfnisse als Ausgangslage von Berufsorientierung im Vordergrund. Ebenfalls die motivierende Auseinandersetzung mit der Praxis und das soziale Lernen und gesellschaftspädagogische Fragen in zukünftigen Konzepten der beruflichen Orientierung.

Im Workshop „Berufsorientierung im Zeitalter der Digitalisierung“ zeigte Philip Herzer auf, wie Berufsorientierung zielgruppengerecht und wirksam gestaltet werden kann. Zum Einstieg gab es eine Anregung zur persönlichen Reflektion der eigenen Berufswahlentwicklung. Diese wurde durch ein digitales Umfragetool interaktiv gestaltet. In der folgenden, regen Diskussion, wurde insbesondere der Nutzen von regionalen, digitalen Plattformen in der Berufsorientierung thematisiert. Als Beispiel auf bundesweiter Ebene wurde Berufenavi.de angeführt.

Im Workshop der drei Berufsorientierungs-Beauftragten der ZSL-Regionalstelle Schwäbisch Gmünd Denise Voit, Marcus Kurz und Dominik Stirn blickten die Teilnehmenden gemeinsam auf die Berufsorientierung (BO) in Zeiten von Corona und entwickelten daraus Ideen für die Zukunft: digitale BO-Elternabende, mehr Praktika für die Schüler und Schülerinnen, Ausbildungsbotschafter gezielt einladen, die „BO-Leuchtturmprojekte“ der einzelnen Schulen sammeln und allen an der Berufsorientierung Beteiligten zur Verfügung zu stellen.

Der Workshop „Best Practice Austausch“ von Janina Damhuis, Teil des Ausbildungsteams der RECA NORM GmbH in Kupferzell, thematisierte die Konzeptionierung eines digitalen Praktikums sowie erste Erfahrungen in der Durchführung mit Schülerinnen und Schülern. Nach dem Vortrag fand ein reger Austausch mit den Teilnehmenden des Workshops statt, bei dem über unterschiedliche Fragen zur Gestaltung oder zur Akzeptanz des digitalen Formats diskutiert wurde. Für alle war klar, ein digitales Praktikum kann das Praktikum vor Ort in Unternehmen nicht vollkommen ersetzen. Dennoch ist es eine interessante Alternative, um auch in Pandemie-Zeiten die Berufsorientierung für junge Menschen zu ermöglichen und zu unterstützen.  

Nach der Veranstaltung kamen beim Veranstalter unterschiedliche Reaktionen an: Eine Berufsberaterin wünschte sich die Präsentationen zu erhalten mit dem Hinweis, dass es sehr viele Anregungen und Informationen gab. Zwei Berufseinstiegsbegleiterinnen, die an Schulen Jugendliche unterstützen, würde sich folgendes wünschen: "Eine vereinfachte Möglichkeit in Betriebe "hereinschnuppern" zu können wäre toll. Zudem war es ein Anstoß viel aktiver Firmen in das Schulleben einzubinden."

Die aufgezeichneten Vorträge und Workshops werden den Teilnehmenden im Nachgang per Email über einen Link zum Nachstöbern zugesandt. 

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