Dummes Daddeln oder zukunftsweisendes Zocken? 

  Rückblick auf eine Veranstaltung des regionalen Netzwerks SCHULEWIRTSCHAFT Heidelberg / Rhein-Neckar-Kreis  Heidelberg/Rhein-Neckar Kreis
Medienpraktiken junger Menschen und ihr Potenzial für den Einstieg in die Berufswelt

Die Medienpraktiken Jugendlicher zu verstehen oder zumindest den Versuch zu unternehmen – darum ging es in der Veranstaltung des regionalen Netzwerks SCHULERWIRTSCHAFT Heidelberg/ Rhein-Neckar-Kreis. Dr. Iren Schulz, Kommunikationswissenschaftlerin und Medienpädagogin bei der Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“ führte die rund 40 Teilnehmenden der Online-Veranstaltung in die Thematik ein und widmete sich den Fragen: Wie ticken junge Menschen heute? Welche Rolle spielen Medien dabei? Was kann Schule tun und nutzen? Welchen Einfluss können Medien bei der Berufsorientierung spielen? Im Anschluss stellte Robert Bittner, Geschäftsführer des Medienzentrums Heidelberg dazu passende regionale und überregionale Angebote vor. 

Dummes Daddeln oder zukunftsweisendes Zocken? 
Aus einer Studie der Hertie School von 2023 geht hervor, dass die Jugendlichen heute deutlich unter den vielfältigen Krisen der aktuellen Welt leiden und sich daher in einem dauerhaften Krisenmodus befinden. Familie und Freunde, Gesundheit und Freiheit nennen die Jugendlichen als wichtigste Lebensbereiche. Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft und Zuverlässigkeit werden als die Top drei Werte genannt, die ihnen wichtig sind. Bezüglich des Berufseinstiegs sind die beruflichen und wirtschaftlichen Bedingungen zwar so günstig wie schon lange nicht mehr. Doch der Übergang zwischen Schule und Beruf ist langgestreckter und unkalkulierbarer geworden, da wenige direkt von der Sek1-Schule in eine Ausbildung gehen. Die vielen Angebote und Möglichkeiten sowie neue Berufsbilder schaffen zwar sehr viele Optionen, sorgen aber auch für Unübersichtlichkeit und geringe Entscheidungsfähigkeit. Eltern und Familie spielen bei der Berufswahl noch immer eine Schlüsselrolle, kennen sich mit dem aktuellen Arbeitsmarkt und den neuen Möglichkeiten aber auch nur bedingt aus. Mangelnder Bildungserfolg und geringe Qualifikation werden heutzutage zum Existenzproblem. Wer heute keinen Schul- oder Ausbildungsabschluss hat, hat wesentlich schlechtere Chancen, beruflich sicher Fuß zu fassen und ausreichend Geld zu verdienen als noch vor 20 oder 30 Jahren. 

Welche Rolle spielt nun die Mediennutzung dabei? Zunächst einmal sind digitale Medien für junge Menschen allgegenwärtig. Sie vermitteln ihnen das Gefühl, niemals allein zu sein und schaffen dadurch eine (Pseudo-)Sicherheit. Sie liefern Informationen, weltweiten Austausch in Echtzeit, Kommunikationsanlässe mit Gleichaltrigen, haben alte Nachrichtenquellen wie Tageszeitungen oder Tagesschau weitestgehend abgelöst, sind Unterhaltung und Lückenfüller. Langeweile gibt es quasi nicht mehr. Zugleich gibt es auch unter Jugendlichen einen Überdruss an Mediennutzung und eine Sehnsucht nach handyfreier Zeit sowie analogen Begegnungen, der sie auch nachkommen (vgl. JIM Studie 2023). 

Die wichtigsten Apps sind WhatsApp, Instagram, TikTok und YouTube. Auch SnapChat und Twitch sind auf dem Vormarsch. Dr. Schulz wies eindrücklich darauf hin, dass auch wenn viele der bei Jugendlichen beliebten Inhalte wie Challenges, Schönheitsideale, zweifelhafte Influencer etc. zum Teil banal und manchmal auch problematisch seien, die Jugendlichen nichtsdestoweniger einige Kompetenzen daraus ziehen. Vor allem die Bedeutung des Bildes (bewegt oder unbewegt) hat sich immens verändert. So leben wir heute in einer hochgradig visualisierten Welt, das Foto oder Video gilt dabei als Existenzbeweis. Jugendliche und schon Kinder kennen sich mit einer Selbstverständlichkeit und Kompetenz in der digitalen Bildbearbeitung aus, die Erwachsene staunen macht. Diese Kompetenzen gilt es auch in Schule und Beruf zu nutzen und die Veränderungen unserer Welt durch die Digitalität zu integrieren. So könnten auch Videobearbeiten und Prompten als neue Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben verstanden werden, die diese Kernkompetenzen natürlich nicht ersetzen, sondern ergänzen sollen. Warum nicht den Praxisbericht als Video erstellen? Oder die Bewerbung? Lehrkräfte und Ausbildende müssten dabei keine Sorgen oder Scham haben, wenn sie selbst nicht über die gleichen digitalen Kompetenzen verfügen. Sie müssten mit guten Projektideen nur den Rahmen setzen und die Jugendlichen anschließend die Aufgaben selbst umsetzen lassen. Auf keinen Fall sollten Schulen und Betriebe sich anbiedern, indem sie versuchten, jugendliche, mediale Inhalte zu kopieren oder zu vereinnahmen. Das gehe sehr schnell nach hinten los. Gut hingegen ist es, junge Leute das tun zu lassen, was sie am besten können: Wenn Auszubildende Lust haben, den Instagram Account des Kanals zu bespielen, sollen sie das machen. Ebenso können Schülerinnen und Schüler in Absprache mit Lehrkräften Schulaccounts übernehmen und pflegen. So wird die Authentizität gewahrt und eher ein Werbeeffekt erzielt. Betriebe können sich die Bildaffinität junger Leute zunutze machen, indem sie bei der Bewerbung ihrer Ausbildung stark auf Videos oder VR-Rundgänge durch die Ausbildungsabteilung setzen.

Ganz entscheidend ist zudem angesichts der rasanten Entwicklung von KI und Fake News –  auch im Bildbereich – kritisches Denken und das Hinterfragen von digitalen Inhalten zu stärken. 
Fazit: Kommunikation und Beziehungen, Lernen und Wissen verändern sich rasant. Die Medien fungieren dabei als Werkzeuge und sind ständige Begleiter der Heranwachsenden. Auch die Anforderungen an Beruf, Bildung und Ausbildung wandeln sich entsprechend. Die Haltung der Erwachsenen sollte dabei sein, aufgeschlossen zu bleiben und Interesse zu zeigen, hinzuschauen, informiert und handlungssicher zu sein, und vor allem: Vorbild zu sein und zu begleiten. 

Wir danken Dr. Iren Schulz und Robert Bittner für den spannenden Input sowie allen Teilnehmenden für den interessanten Austausch!

Hilfreiche Links und weitere Informationen: 
Dr. Iren Schulz: www.irenschulz.de 
Medienzentrum Heidelberg: www.mzhd.de
Veranstaltungen und Fortbildungen im Medienzentrum: https://www.mzhd.de/events/
Fake News: https://bitte-was.de/
Jugendmedienschutz Elternabende und vieles mehr: https://101schulen.kindermedienland-bw.de/de/startseite
Schüler-Medienmentoren: https://smep.kindermedienland-bw.de/de/startseite
Bildungskompass Rhein-Neckar: https://biko-rnk.de/

Bei Fragen zur Veranstaltung wenden Sie sich gerne an Annika Gebauer. 

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