Akteure aus den Sektoren Bildung und Wirtschaft betonen die Wichtigkeit einer soliden Bildungs- und Ausbildungsstruktur für die Zukunftsfähigkeit des Standorts Baden-Württemberg. „Eine sehr gute Ausbildung ist die Basis für den technischen Fortschritt“, sagte Dr. Stefan Waschul, Geschäftsführer der Robert Bosch Automotive Steering GmbH am vergangenen Donnerstag während der Eröffnung des 14. Forums Bildungspartnerschaften „Bildung zwischen Tradition und Transformation“ in Ostwürttemberg.
Bildung zwischen Tradition und Transformation. Diese Überschrift stand über dem 14. Forum Bildungspartnerschaften in Ostwürttemberg, das am 26.09.2024 stattfand. Rund 70 Interessierte aus Schule und Wirtschaft folgten der Einladung ins Bosch-Ausbildungszentrum nach Schwäbisch Gmünd, um gemeinsam über die betriebliche und berufliche Bildung ins Gespräch zu kommen. Neben ausgesuchten Fachvorträgen stand auch in diesem Jahr der kritische Austausch stark im Vordergrund.
Gastgeber Dr. Stefan Waschul, Geschäftsführer der Robert Bosch Automotive Steering GmbH eröffnete das Forum um 14:00 Uhr und betonte gleich in seinem Eingangsstatement, dass eine sehr gute Ausbildung die Basis für den technischen Fortschritt sei. Bosch bildet seit 1938 aus, in 2024 sind es 50 Auszubildende und Studierende. IHK-Hauptgeschäftsführer in Ostwürttemberg Thilo Rentschler nahm in seinem anschließenden Grußwort den Faden auf und bedankte sich bei der Firma Robert Bosch. „So viel Veränderung wie jetzt haben wir lange nicht erlebt“, so Rentschler. Die Verantwortung der älteren Generation sei es jetzt, eine lebendige und erlebbare Berufsorientierung zu ermöglichen. Und dabei drei Dinge zu berücksichtigen, die für jede Generation gleich wichtig sind: Infrastruktur, Bildung und Wertschöpfung. Diese Aufgabe muss von Politik, Wirtschaft, Bildung, Gesellschaft… gemeinsam erledigt werden, denn „Wertschöpfung sorgt dafür, dass aus Infrastruktur und Bildung Wohlstand entsteht.“
Staatssekretärin Sandra Boser betonte, dass Kinder und Jugendliche vor großen Herausforderungen stehen und in einer digitalisierten Welt anders aufwachsen. Diese Herausforderungen werden angenommen, dabei unterstützt das Bildungspaket mit aktuell 11,5 Milliarden Euro. Boser sieht Bildung als wichtigen Faktor für das Funktionieren der Gesellschaft und dabei die Schule als Dreh- und Angelpunkt. Das im nächsten Jahr startende G9 sei nicht allein ein zusätzliches Schuljahr, sondern „ein G9, dass die aktuellen Herausforderungen aufgreift.“ So werden u.a. die Naturwissenschaften durch neue naturwissenschaftliche Angebote gestärkt und Demokratie als wichtiges Thema platziert. Mit dem Startchancen-Programm des Bundes werden darüber hinaus alle Schulformen u.a. bei den Themen Sprachförderung, Sozialkompetenztraining und Berufsorientierung unterstützt. Laut Boser muss die Bildungsreform aber bei den Jüngsten anfangen, so gibt es bereits im Kita-Bereich Unterstützung durch das Programm „schulreifes Kind“ und die Junior-Klassen mit dem Ziel, allen Kindern einen gleichwertigen Grundschulstart zu ermöglichen.
„Die Themen Bildung und Transformation beschäftigen mich nicht nur beruflich, sondern sind mir im Hinblick auf die zukünftige Generation auch ganz persönlich ein großes Anliegen. Das verbindet uns sicher heute miteinander.“ Mit diesen Worten übernahm Frau Dr. Piyali Bhattacharjee, Hochschule Aalen die Moderation und führte in die sich anschließenden Fachvorträge von Prof. Dr. Thorsten Bohl, Universität Tübingen und Prof. Dr. Lars Windelband, Karlsruher Institut für Technologie ein. Hier wurde die Komplexität des Spannungsfelds zwischen der bekannten traditionellen Bildung und den tatsächlichen aktuellen Herausforderungen an Bildung deutlich. So sieht Bohl den Aktionismus „bessere Schulergebnisse in Deutschland“ als Antwort auf das schlechte Abschneiden im Pisa-Vergleich höchst kritisch und plädiert dafür, den Fokus auf das untere Leistungsdrittel zu legen. Hier muss das vorrangige Ziel sein, Lernfähigkeit herzustellen und Basiskompetenzen zu erreichen. „Der Staat muss sicherstellen, dass beim Übergang in Klasse 7 alle erforderlichen Kompetenzen für eine erfolgreiche Schullaufbahn vorhanden sind.“ Bohl fordert weiter, dass viele einen möglichst hohen Schulabschluss in Kombination mit beruflicher Praxis erhalten. Der Umgang mit Heterogenität ist eine der großen Herausforderungen dieser Zeit, die eine Neuausrichtung der Schularten erfordert. Auch hier sieht Bohl den Staat in der Pflicht. Prof. Dr. Windelband eröffnete seinen Vortrag zum Schwerpunkt digitale Transformation mit der offenen Frage, wie attraktiv die berufliche Bildung heute eigentlich noch ist? Windelband sprach sich für eine Modularisierung und Flexibilisierung der Ausbildung aus, das Konzept der Dualisierung auch auf Studiengänge und Weiterbildungseinrichtungen zu übertragen, Theorie und Praxis auch hier stärker zu verzahnen. Mit der Digitalisierung entstehen z.B. in der M+E-Branche nicht allein neue Berufe. Vielmehr verändert sich die Berufspraxis vom Nischenwissen hin zu einer Fachhoheit plus Grundverständnis für angrenzende Fachbereiche. „Eine reine Disziplinorientierung in der Ausbildung ist nicht mehr tragfähig“, so Windelband. Das Berufsbildungspersonal muss dafür qualifiziert werden, gerade im pädagogisch-didaktischen Bereich.
Beim abschließenden Podiumsgespräch wurde vor allem die Rückkehr zu G9 kritisch diskutiert. Laut Bohl war „die Wissenschaft dagegen“. G9-Befürworter Thomas Eich sieht als Schulleiter des Parler-Gymnasiums Schwäbisch Gmünd hier vor allem den Faktor Zeit als Vorteil. Schülerinnen und Schüler müssen sich in Schule wohlfühlen. Eich berichtet von leistungsorientierten, in der Mehrzahl Schülerinnen, die unter G8 hohen psychischen Belastungen ausgesetzt sind. Bildung braucht auch nach Prof. Dr. Windelband Zeit und deutlich mehr Anwendungsorientierung. Windelband plädiert dafür, den Fächerkanon loszulassen und Bildung neu zu denken. Andreas Nebert, Bosch-Ausbildungsleiter unterstützt den Ruf nach Entschlackung und sieht darin „die schwerste Diskussion, die man führen muss.“
Frau Dr. Piyali Bhattacharjee stellte zum Abschluss die Frage nach Lösungen. Thomas Eich sieht in der Beziehungsarbeit fernab von Prüfungsorientierung einen wesentlichen Schlüssel. Nebert lobte die Unterstützungsmöglichkeiten der Bundesagentur für Arbeit (AsAflex) und nannte ebenfalls das Lehrpersonal als wichtigste Bezugsperson. „Der beste Ausbilder sitzt nicht im Büro sondern ist in der Werkstatt bei den Azubis.“
Die lebhafte Diskussion wurde im Anschluss bei einer guten Tasse Kaffe und einem Imbiss weitergeführt.
Fazit: Eine gelungene Veranstaltung mit Impulsen, die in Entscheiderkreisen Gehör finden sollten!
Info:
Das Forum Bildungspartnerschaften wird seit 14 Jahren in Kooperation von Südwestmetall, SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg, Industrie- und Handelskammer Ostwürttemberg, Kreishandwerkerschaft Heidenheim, Kreishandwerkerschaft Ostalb, Handwerkskammer Ulm, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg Regionalstelle Schwäbisch Gmünd und Staatliches Schulamt Göppingen organisiert und durchgeführt.
