Junge Menschen sollten Berufe finden, die zu ihren Stärken passen und ihnen Spaß machen – frei von Klischees und Geschlechterzuweisungen. Darin waren sich alle einig, als sich das regionale Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT Heidelberg / Rhein-Neckar-Kreis am 10. April 2025 zur Online-Veranstaltung „Klischeefreie Berufsorientierung“ traf. Doch die Berufswahl betreffende Geschlechterklischees sind tiefer Bestandteil unserer Gesellschaft und werden oft unbeabsichtigt immer noch von Generation zu Generation weitergegeben. Immer noch gibt es Berufszweige, in denen jeweils nur ca. 20% des anderen Geschlechts vertreten sind.
Christoph Kröger, Wissenschaftlicher Fachreferent der Servicestelle der Initiative Klischeefrei im Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e.V. sensibilisierte in einem knapp 60minütigen Vortrag für die Stolperfallen, die von frühester Kindheit an stereotype Sichtweisen von Berufen befördern, und zeigte Auswege aus diesen Mustern auf.
Die Gründe für Klischeefreiheit, Diversität und Chancengerechtigkeit liegen auf der Hand. Kröger unterscheidet hier zwischen individuellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Motiven. Individuell gesehen wünscht sich jeder junge Mensch eine freie Entfaltung seiner Persönlichkeit. Zudem ist die berufliche Selbstverwirklichung ein wesentlicher Aspekt persönlicher Zufriedenheit und Lebensqualität. Gesellschaftlich gesehen ist es unser Ziel, dass alle Menschen als gleichwertig und Unterschiedlichkeit als Bereicherung wahrgenommen werden. Frauen und Männer sollen eine gleichberechtigte gesellschaftliche Partizipation haben. Aus wirtschaftlicher Sicht „stellen immer mehr Unternehmen fest, dass Diversity kein Modethema ist, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit“ zitiert Kröger den Arbeitsmarktexperten Dr. Tobias Zimermann. Im Endeffekt gewinnen also alle durch mehr Klischeefreiheit. Doch gleichzeitig erlernen und verinnerlichen wir alle bestimmte Vorstellungen als Stereotype schon ab dem Babyalter und geben diese unbewusst an unsere Kinder weiter. Die Klischees werden auf all unseren „Kanälen“ in der Familie, der Peer Group, in Medien, Technik, auf Bildern, in KI und in Institutionen wie Kita, Schule und Arbeitsplatz vermittelt, weitergeschrieben und gefestigt. Auf diese Weise kommt es auch heute noch, wenn Jugendliche sich für Berufe interessieren, die stereotyp dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden, zu Äußerungen wie „Was willst du denn als Frau im Handwerk, da macht man sich ja nur schmutzig!“ oder „Was? Du willst Erzieher werden? Die ganzen kleinen Kinder und sonst nur Frauen, das ist doch nichts für einen Mann…“.
Kröger zeigte auf, dass wir alle Teil dieses Systems sind und deshalb auch alle Teil der Lösung. Jeder Mensch kann im Kleinen wie im Großen sowohl im Beruf als auch privat als Vorbild dienen, indem wir uns bewusster um Klischeefreiheit bemühen. Besonders wichtig ist es, Jugendliche in ihrer Selbstwirksamkeit zu bestärken, denn z.B. schätzen Mädchen ihre Fähigkeiten in Mathematik noch immer wesentlich schlechter ein als sie tatsächlich sind.
Durch die folgenden Möglichkeiten können wir alle dazu beitragen, Selbstwirksamkeit zu stärken:
• Ausprobieren (Praktika); Erkennen, dass etwas nicht passt ist kein Rückschritt!
• Rolemodels sichtbar machen!
• Teilnahme ermöglichen: Girls’Day – Boys´Day: Erfahrungs- und Experimentierräume schaffen,
• (Monoedukative Angebote)
• Fördern: Mädchen in MINT / Hackerschool etc; Jungs – fürsorgliche Männlichkeiten
• Diversitätssensible Lehre an Schulen: klischeefreie (Bild)Sprache; unterschiedliche Zugänge zu Technik berücksichtigen; didaktisches Material prüfen und Unterrichtsgestaltung neu ausrichten
• Fortbildungen für Lehrkräfte: Sensibilisierung für stereotypische Einflussfaktoren (auf die Berufswahl)
• Eltern einbinden und informieren: Eltern haben großen Einfluss auf die Berufs- und Studienwahl
Die Initiative Klischeefrei verfügt über umfassende Materialien, die Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden können, und steht gerne für Beratungen zur Verfügung.
Im Anschluss an den spannenden Vortrag stellte zunächst Frederike Rautenberg von der Initiative "FRAUEN unternehmen" dar, warum Frauen, die in der Gründerszene stark unterpräsentiert sind, mehr selbständige Berufe und Unternehmensgründungen wagen sollten. Die Geschäftsstelle „FRAUEN unternehmen“ berät Schulen und vermittelt Unternehmerinnen als Role Models, die an Schulen von ihrer Arbeit berichten.
Anschließend hörten wir in einer offenen Austauschrunden von drei Auszubildenden bzw. jungen Facharbeiterinnen von regionalen Ausbildungsbetrieben aus der Praxis:
• Justus Mahler, Auszubildender in der Pflege im zweiten Ausbildungsjahr am Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH in Wiesloch,
• Jana Göhringer, Auszubildende zur Orthopädietechnikmechanikerin bei der Firma Fuchs + Möller GmbH in Mannheim und
• Annika Heinzelmann, Qualitätstechnikerin, ABB Stotz-Kontakt GmbH in Heidelberg
Die drei berichteten eindrücklich von ihrer Berufswahl und davon, wie ihr Umfeld auf den eingeschlagenen Berufsweg reagiert hat, sowie von Vorurteilen, die sie zum Teil begleiten. Annika Heinzelmanns Entscheidung, eine Ausbildung als Industriemechanikerin zu machen, stieß bei ihr zuhause auf sehr offene Ohren, da ihre Mutter Elektronikerin ist und somit schon vorgelebt hat, dass Frauen in technischen Berufen gut aufgehoben sind. Sowohl in ihrer Ausbildung als auch in ihrer Tätigkeit als Qualitätstechniker fühlt sie sich bei ABB sehr wohl, auch wenn sie sich gelegentlich bei männlichen Kolleginnen und Kollegen erst behaupten musste.
Auch Jana Göhringer, die sich mit Abitur für eine Ausbildung als Orthopädietechnikmechanikerin bei der Firma Fuchs + Möller GmbH in Mannheim entschieden hat, erfuhr in ihrem Umfeld viel Unterstützung für ihre Berufswahl, in der sie ihr Interesse für eine soziale Tätigkeit mit Handwerk und Technik verbinden kann. Doch besonders im Umgang mit Kunden hat sie auch schon Vorbehalte erfahren, in dem Kunden sie als Frau nicht ernst nahmen und mit „einem richtigen Techniker“ sprechen wollten. Dies zu erleben ist natürlich sehr unangenehm, doch sie lerne damit umzugehen und dagegen zu halten, so Göhringer, auch wenn sich eigentlich nicht sie, sondern das System um sie herum verändern müsste, wie Christoph Kröger richtig anmerkte.
Justus Mahler fing bei einem FSJ in einer Klinik Feuer für den Pflegeberuf und war damit gemeinsam mit einem Freund, der eine Ausbildung zum Erzieher macht, einer der einzigen, der sich nach dem Abitur am Gymnasium gegen ein Studium und zudem für einen sozialen Beruf entschied. Das stieß bei vielen im schulischen Umfeld auf Unverständnis. In der Pflegeschule am Bildungszentrum Gesundheit Rhein-Neckar GmbH in Wiesloch sind Jungs ebenfalls unterrepräsentiert. Doch in der Psychiatrie, in der Justus Mahler ausbildungsbegleitend arbeitet, sind fast die Hälfte des Pflegepersonals Männer, da die Arbeit dort körperlich herausfordernd ist und oft Kraft erfordert.
Alle drei sind in jedem Fall sehr zufrieden mit ihrer klischeefreien Berufswahl. Wir danken Ihnen herzlich für die persönlichen Einblicke in ihren Berufswahlprozess und wünschen Ihnen alles Gute für ihren weiteren Weg! Ein ebenso herzliches Dankeschön geht an Christoph Kröger von der Initiative Klischeefrei und Frederike Rautenberg von der Initiative „FRAUEN unternehmen“.
