Am 26. März 2025 fand die dritte Netzwerkveranstaltung des Netzwerks SCHULEWIRTSCHAFT Main-Tauber-Kreis in diesem Schuljahr statt. Die Kitzberg-Akademie in Bad Mergentheim, ein psychotherapeutisches Zentrum, bot den idealen Rahmen, um mit Vertretern aus Schule und Wirtschaft über dieses drängende Thema zu diskutieren.
Impulsvortrag: Die Herausforderungen der jungen Generation
Simone Arzt von der Kitzberg-Akademie zeigte in ihrem Impulsvortrag die aktuelle Situation der psychischen Gesundheit im Übergang von der Schule in den Beruf auf. Die Zahlen sprechen für sich: In den letzten zehn Jahren haben sich psychische Erkrankungen verdoppelt. 55 Prozent der Schüler und Schülerinnen leiden unter Erschöpfung, 35 Prozent der Schulabgänger fühlen sich gestresst und psychisch stark belastet. Lehrkräfte beobachten vermehrt Konzentrationsprobleme bei ihren Schülern. Die Ampel steht sowohl für Lernende als auch für Lehrkräfte auf gelb bis rot. Die Generation Z sieht sich einem hohen Social-Media-Druck ausgesetzt, hat Angst vor Fehlern und kämpft mit Überforderung durch die Informationsflut – gleichzeitig wünschen sich junge Menschen mehr Feedback. Als zentrale Lösungsansätze nannte Simone Arzt zwei entscheidende Aspekte: Mehr Resilienz und Achtsamkeit in der Schule und Ausbildung sowie eine deutliche Ausweitung psychologischer Unterstützungsangebote.
Podiumsdiskussion: Experten aus verschiedenen Bereichen im Dialog
Moderiert von Iris Lange-Schmalz (Jugendtechnikschule Main-Tauber) diskutierten sechs Experten aus Schule, Hochschule, Jugendhilfe, Handwerk, Industrie und Medizin über ihre Erfahrungen und konkrete Maßnahmen.
- Heiko Knebel, Rektor der Kopernikus-Realschule Bad Mergentheim und geschäftsführender Schulleiter, sprach von einer großen Orientierungslosigkeit bei Jugendlichen. Er forderte eine stärkere Verzahnung von Elternhaus, Schule, Jugendhilfe und Unternehmen. In seiner Schule werden in wöchentlichen Coachinggesprächen die Ängste der Schüler thematisiert – anstelle des früheren Fokus auf Noten.
- Michael Ebert, Bereichsleiter der Jugendhilfe Creglingen, stellte fest, dass viele junge Menschen unter Existenz- und Versagensängsten leiden. „Werde ich wahrgenommen? Werde ich gesehen?“ – diese Fragen bestimmen ihren Alltag. Mehr Prävention sei dringend nötig, da das deutsche System oft erst nach einer Diagnose reagiere. Die langen Wartezeiten auf psychologische Hilfe von bis zu zwei Jahren seien problematisch.
- Prof. Dr. Kim Linsenmayer, Leitung Campus Bad Mergentheim der DHBW Mosbach, berichtete, dass psychische Probleme bei Studierenden seit Corona massiv zugenommen haben. Früher gab es ein bis zwei Fälle pro Semester – mittlerweile sind es sechs bis sieben, teils mit stationärem Behandlungsbedarf. Um frühzeitig zu helfen, sind Schulpsychologen bereits bei der Erstsemesterbegehung präsent. Zudem wurden First-Aid-Kollegen ausgebildet, um schnell reagieren und professionelle Hilfe vermitteln zu können.
- Claudia Landwehr, Bereichsleitung Personal bei Hieber Installationen und Handel AG Weikersheim, schilderte, dass psychische Erkrankungen in ihrem Unternehmen erst vor sechs Jahren als Thema aufkamen. Ihr Unternehmen setzt auf frühzeitige Integration: Azubis werden bereits vor Ausbildungsbeginn zu Events eingeladen, erhalten Paten und einen strukturierten Startordner. Offene Kommunikation und enge Zusammenarbeit mit Schulen helfen dabei, Probleme frühzeitig zu erkennen.
- Michael Schubert, Geschäftsleitung HR Würth Industrie Service Bad Mergentheim, bestätigte, dass psychische Erkrankungen bei Auszubildenden zunehmen, gleichzeitig aber auch die Offenheit, darüber zu sprechen. Besonders die Corona-Jahrgänge seien leistungsschwächer. Würth setzt auf eine enge Begleitung von Azubis – von der ersten Kontaktaufnahme bis hin zu Welcome-Tagen mit Mentoren. Ziel ist es, eine vertrauensvolle und sichere Umgebung zu schaffen.
- Dr. Lucia Bliznak, Chefärztin der Kitzberg-Kliniken Bad Mergentheim, betonte die Vielschichtigkeit psychischer Erkrankungen. Neben biologischen und sozialen Faktoren spielen auch äußere Einflüsse wie Cybermobbing und Schönheitsideale eine große Rolle. Sie sprach sich für eine Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen aus und empfahl präventive Maßnahmen wie Bewegung und gesunde Ernährung.
Fazit: Netzwerken für eine bessere Zukunft
Im Anschluss an die Diskussion nutzten die Teilnehmer die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und sich über konkrete Anliegen aus Schule und Ausbildung auszutauschen. Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, dass psychische Gesundheit im Übergang von Schule in den Beruf eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist – und dass durch Vernetzung und präventive Maßnahmen frühzeitig gegengesteuert werden kann.




