Unter dem Motto „Ausbildung im Rhein-Neckar-Kreis – Wie kann ich mein Kind beim Start in den Beruf unterstützen?“ kamen am Mittwochabend 50 Eltern und Akteure der Berufsorientierung zusammen, um sich über das Thema Ausbildung zu informieren und auszutauschen. Die Eltern erhielten umfassende Tipps, wie sie ihre Kinder auf dem Weg in die Berufswelt bestmöglich begleiten und unterstützen können. Denn Eltern üben noch immer den größten Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder aus – mehr als Schule und Freunde.
Neben praktischen Informationen zu Kontaktstellen und Angeboten der Berufsberatung der Agentur für Arbeit Heidelberg, der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald und der IHK Rhein-Neckar, konzentrierten sich die Vortragenden vor allem auf die verschiedenen Möglichkeiten der beruflichen Entwicklung, die junge Menschen haben. Denn viele Jugendliche haben Schwierigkeiten damit, sich früh auf einen Beruf festzulegen und bleiben deshalb länger in der Schule oder streben ins Studium. Doch wer direkt nach dem Hauptschul- oder Realschulabschluss eine Ausbildung ergreift, muss nicht notwendigerweise für immer in diesem Beruf arbeiten. So erläuterte Simon Lautner, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit Heidelberg, dass es nicht immer sinnvoll ist, den nächsthöheren Schulabschluss anzustreben. Heutzutage stehen jungen Menschen auf verschiedenen Wegen alle Möglichkeiten offen. Wer einen Hauptschulabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung hat, erhält automatisch die Mittlere Reife. Mit Realschulabschluss Berufsausbildung und Berufserfahrung ist die Zulassung zum Studium möglich. Wer einen Meistertitel oder Fachwirt erlangt, erhält sogar die allgemeine Hochschulreife. Diese Titel sind also äquivalent zum Abitur. Dies ist vielen nicht bewusst, da es neuere Regelungen sind. Für viele Jugendliche, speziell diejenigen, die sich mit dem rein schulisches Lernen schwertun, ist eine Berufsausbildung der ideale Weg, um Lernen neu kennenzulernen, Praxiserfahrungen zu sammeln, zu reifen und anschließend ihren weiteren Weg mit vielen verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten zu gehen.
Auch Leonard Kopp von der Handwerkskammer betonte die große Flexibilität, die junge Menschen auf ihrem Berufsweg mit der Ausbildung als Ausgangspunkt haben. Das Handwerk mit über 130 Ausbildungsberufen leidet unter großem Nachwuchsmangel und dies obwohl es wirklich viel zu bieten hat. So machte Leonard Kopp vor allem die Vorteile einer Ausbildung im Handwerk deutlich. Allen voran: das Handwerk ist absolut krisensicher, wie die Corona-Pandemie deutlich gemacht hat. Handwerker werden immer gebraucht und die Arbeit geht nie aus. Auch die Verdienst- und Karrieremöglichkeiten sind weit besser als allgemein angenommen. Zudem dürfe man nicht die Erfüllung und Sinnhaftigkeit unterschätzen, die es vielen Menschen gibt, etwas kreativ mit ihren Händen zu schaffen und praktisch tätig zu sein. Auch flache Hierarchien und eine familiäre Arbeitsatmosphäre in den meist eher kleinen Handwerksbetrieben sind klare Pluspunkte. Dies wurde auch am anschließenden Praxisbeispiel der Firma Schifferdecker GmbH, Rollladen- und Sonnenschutztechnik aus Meckesheim deutlich. Der Inhaber Uwe Schifferdecker berichtete vom Ausbildungsberuf des/der Rollladen- und Sonnenschutzmechatroniker/in in einer Branche, der bei den heißen Sommern ebenfalls nicht die Arbeit ausgehe. Azubis in der Firma Schifferdecker erlernen in familiärer und professioneller Atmosphäre dieses besondere Handwerk und werden in der Regel im Anschluss an die Ausbildung immer übernommen. Trotzdem waren Bewerbungen in den vergangenen zwei Jahren rar, so dass auch hier der Mangel an Nachwuchs schmerzlich bewusst ist. Bei Bewerbungen komme es gar nicht auf Schulabschluss oder Noten an. Durch ein paar Tage Praktikum könne man sich gegenseitig kennenlernen und dann würden die Motivation und Eignung sehr schnell deutlich.
Sina Klinger von der IHK betonte ebenfalls, die wenigsten Berufswege verliefen geradlinig. Längst nicht alle, die eine gute Karriere erreicht haben, waren in der Schule erfolgreich oder haben studiert. Oft sind gerade die Verdienstmöglichkeiten einer Berufsausbildung mit anschließenden Weiterbildungen überraschend gut, teils sogar besser als nach einem Studium ohne vorherige Berufserfahrung, zumal ja bereits ab jungen Jahren verdient wurde. Wichtig sei es, sich umfassend zu informieren, z.B. beim Podcast der IHK „PodZubi“, bei dem Azubis von ihren Ausbildungsberufen erzählen. Denn Berichte von Gleichaltrigen kommen bei Jugendlichen erfahrungsgemäß gut an.
Alle drei Vortragenden betonten auch die Wichtigkeit einer klischeefreien Berufswahl. „Weg mit den Vorurteilen!“ konstatierte Leonard Kopp. Heutzutage noch von Männer- und Frauenberufen zu sprechen, sei aus der Zeit gefallen. Viele junge Frauen ergreifen mit Begeisterung Berufe im Handwerk oder beginnen eine gewerblich-technische Ausbildung, ebenso wie auch immer mehr junge Männer kaufmännische Ausbildungsberufe wie Büromanagement oder Pflege und Friseurhandwerk ergreifen. Diese Entwicklung muss noch verstärkt werden. Bei dem bestehenden Mangel an Nachwuchs ist es unerlässlich, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, und Jugendliche für alle Berufszweige zu begeistern, unabhängig von Geschlecht und Herkunft.
Zum Abschluss der Veranstaltung berichtete Falk Böhme von der NDW Draht und Stahl GmbH von den Ausbildungsmöglichkeiten bei den Neckar Drahtwerken in Eberbach. Der Traditionsbetrieb ist ebenfalls händeringend auf der Suche nach Azubis und bietet sowohl im kaufmännischen als auch im gewerblich-technischen Bereich viele Karrieremöglichkeiten. Gesucht werden zum 08.09.22 noch Auszubildende zum/r Mechatroniker/in, Elektroniker/in für Betriebstechnik, Industriemechaniker/in und Maschinen- und Anlagenführer/in. Willkommen sind alle, vom Hauptschulabsolventen bis zum Abiturienten. Die anwesenden Firmen Schifferdecker und die Neckar Drahtwerke sind nur zwei von vielen Betrieben im Rhein-Neckar-Kreis, die auf der Suche nach passenden Auszubildenden sind und dafür gerne bereit sind, auch schulisch schwächeren Kandidaten eine Chance zu geben. Aktuell sind in Baden-Württemberg noch 65.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Zugleich gibt es jedes Jahr tausende Jugendliche, die noch unversorgt sind. Umso wichtiger, dass Jugendliche und ihren Eltern die notwendigen Informationen zur beruflichen Orientierung zur Verfügung stehen.
Organisation:
Regionales Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT Heidelberg/Rhein-Neckar-Kreis
Annika-Maren Gebauer, Service SCHULEWIRTSCHAFT Baden-Württemberg
