Zukunft 2045 - Berufliche Orientierung und Generation Z

 Kita/Grundschule
Über 90 Akteure aus Schule und Wirtschaft trafen beim ersten digitalen Fachnachmittag Berufsorientierung online aus Heilbronn-Franken, Bonn und Berlin zusammen.
Alle Beteilige verbindet das gemeinsame Ziel, Jugendliche beim Übergang von der Schule ins Berufs- und Arbeitsleben zu unterstützen. Dazu lieferten die sechs Referenten wertvolle Forschungsergebnisse, Erfahrungswerte und Zukunftsaussichten. Veranstalter war das regionale Netzwerk SCHULEWIRTSCHAFT in Heilbronn-Franken. Das ZSL - Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg sorgte als Kooperationspartner für die digitale Durchführung. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Stiftung Würth.
Als Hauptreferent lieferte Pascal Morgan aus Berlin als Zukunftsforscher nicht nur Einblicke in die gesellschaftliche und technologische Zukunft, sondern auch in seine ganz persönliche Transformation: Mit 16 erste Erfahrungen der Obdachlosigkeit, von der Schule geflogen, orientierungslos. Er stellte sich die Frage: Wie kann ich mich selbst neu erfinden? Mittlerweile nach einer fast 30-jährigen Karriere mit Stationen als Führungskraft bei der Frankfurter Buchmesse, Deutsche Telekom und zuletzt als IT- und Innovationschef bei Coca-Cola für Deutschland und Europa. Jetzt ist er als Gründer von think.speak.transform. GmbH Sprecher und Berater für die digitale Transformation, hilft Startups bei Germantech und ist Fakultätsmitglied beim Zukunftsinstitut Futur/io. In seinem Vortrag „Zukunft 2045“ stellte er Fragen wie: Wo hört der Mensch auf und wo fängt die Maschine an? Er sagt auch voraus, dass wir viele Texte lesen und dabei nicht wissen werden, ob sie von einem Menschen oder von einer Maschine geschrieben wurden. Bei den rasanten Fortschritten in der Künstlichen Intelligenz zeigte er sowohl die Chancen als auch die Risiken auf. Bei den Visionen für die intelligenten Städte von morgen, autonomen Fahrzeugen und dem Zeitalter der Quantencomputer dürfen wir die Menschen selbst nicht vergessen – die Veränderung der Arbeitswelt, die oft abgehängten, bildungsfernen Schichten, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft und unser wichtigstes Gut: unsere Kinder. Nach dem Vortrag entstand im Chat ein reger Austausch. „Wie bereitet man sich und die Jugend auf diese Zukunft vor? Es ist eine interessante Herausforderung, aber auch erschreckend, ob man der zukünftigen Entwicklung gewachsen ist“ schrieb ein Ausbildungsleiter. „Sehr inspirierender Vortrag, der klar aufzeigt, wie wichtig das heutige Handeln ist“, chattete eine IHK-Mitarbeiterin. Ein Schulrektor stellte im Chat die Frage, welche Kompetenzen Kinder heute lernen müssen, um morgen bestehen zu können. Anschließend präsentierte Melanie Schlebach von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises Schwäbisch Hall ein konkretes Werkzeug der Berufsorientierung für Jugendliche. Mit Ausbildungsbetrieben aus der Region hat sie die digitale Berufsorientierungsbörse <link https: jobs4young.de _blank jobs4young>jobs4young.de aufgebaut. Dort kann man gezielt nach Praktika, Ferien- und Nebenjobs suchen. Danach gingen alle in einen der parallel stattfindenden Workshops. 
Dr. Stephanie Oeynhausen zeigte im Workshop 1 „Betriebe ohne Azubis, Jugendliche ohne Stellen“ Ursachen der aktuellen Passungsprobleme auf dem Ausbildungsmarkt und Konsequenzen für die Berufsorientierung auf. Oeynhausen forscht im Bundesinstitut für berufliche Bildung Bonn unter anderem im Bereich „Bildungsorientierungen und -entscheidungen Jugendlicher“ und hat bereits etliche Studien durchgeführt und veröffentlicht. Sie beobachtet den Ausbildungsmarkt, auch aktuell mit den Auswirkungen der Pandemie und untersucht das Berufswahlverhalten junger Menschen unter Berücksichtigung der persönlichen Bedingungen. Im Workshop berichtete sie über die Passungsprobleme bei der Berufswahl, besonders deutlich wurde dabei die nachweisbare Vielschichtigkeit bei den Besetzungsproblemen, die die Betriebe in der Nachwuchsarbeit bisweilen sehr hart treffen, aber auch die Versorgungsprobleme für Jugendliche scheinen sich zu einem ernsten Problem zu entwickeln. Obwohl es viele offenen Stellen gibt, finden immer mehr Jugendliche nicht mehr den passenden Ausbildungsberuf. Dabei gibt es so viele Orientierungsmöglichkeiten in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Oeynhausen arbeitete in ihrem Vortrag „Attraktions-und Aversionseffekte“ in der Berufsorientierung heraus. Die Berufswahlforschung zeigt, dass Jugendliche bei ihrer Berufswahl schon frühzeitig unbewusst viele Berufe ausschließen. Gründe sind u.a. erwartete negative Reaktionen des sozialen Umfelds. Lösungsansätze können z.B. sein, dass die Anerkennungsbedürfnisse der Jugendlichen bei der Berufsorientierung berücksichtigt werden, etwa durch die gemeinsame kritische Reflexion von Ergebnissen aus Berufswahltests. Auch Ausbildungsbotschaftereinsätze an Schulen können hilfreich sein, um Jugendliche für Berufe zu begeistern.  
Im Workshop 2 „Personalentwicklung in Betrieben – Wege, Erfahrungen kurz vor, in und nach der Ausbildung“ gaben drei Experten aus der Region Einblicke in die Personalentwicklung in ihren Betrieben: Katharina Breitner und Uwe Spatscheck von der Sparkasse Schwäbisch Hall-Crailsheim und Tamara Molitor von der Adolf Würth GmbH & Co. KG in Gaisbach. Katharina Breitner und Uwe Spatscheck stellten ausführlich dar wo von der Akquise bis zur Personalentwicklung in der Sparkasse Schwäbisch Hall – Crailsheim als regionales Unternehmen momentan die Entwicklungsfelder und Herausforderungen liegen. Tamara Molitor zeigte auf wie Personalentwicklung in ihrem Unternehmen als internationaler Global Player ausgestaltet wird. Der starke Praxisbezug sorgte im Chat für einen regen Austausch.
Im Workshop 3 diskutierte Pascal Morgan über die Generation Z, der ca. zwischen 1997 und 2012 geborenen, und ihre Welt von Morgen. Aufbauend auf den Ausführungen des Hauptvortrags beginnt er, die unterschiedlichen Generationen der letzten Jahrzehnte mit ihren Eigenschaften zu beschreiben. Auffallend ist, dass die Generation Z nur noch die vernetzte und digitalisierte Welt kennt im Gegensatz zu allen anderen davor. Es sind die sogenannten „wahren“ Digital Natives. Er führt weiter aus, wie sich Werte, Erwartungen und Motivationen in der Generation ab Ende der 90er Jahre verändert haben und zeigt auf, wie insbesondere das Internet und die sozialen Medien mit seinen „Influencern“ Einfluss auf die Lebens- und auch Berufsgestaltung nimmt. Pascal Morgan beschreibt die Arbeitswelt, wie wir sie kennen, als noch nicht ausreichend auf die veränderten Sichtweisen der jungen Menschen reagierend. Die Betriebe stünden nicht nur in Bezug auf technologische Weiterentwicklungen unter Druck. Auch in Bezug auf die Arbeitgeberattraktivität erwartet die junge Generation einen klaren Sinn („Purpose“) und einen Beitrag des Unternehmens u.a. für Umwelt und Gesellschaft. Die Rollen verdrehen sich: In die Rolle des Bewerbers geraten zunehmend die Unternehmen selbst. Das wird verstärkt durch den allgemeinen Fachkräftemangel sowie auch eine abnehmende “Loyalität“ zum Unternehmen an sich. Projektbezogenes, sinnhaftes und wertschätzendes Arbeiten wird von der jüngeren Generation oft höher eingestuft. Eine diverse und offene Kultur im Betrieb wird meist vorausgesetzt. Des Weiteren sei das langfristige Binden der jungen Menschen an einen Betrieb besser zu gewährleisten, wenn ein aktives Begleiten (Mentoring) durch ältere, erfahrene Kollegen angeboten wird.
Im Workshop 4 von Stefanie Hagenmüller vom Kompetenzzentrum Ökonomische Bildung Baden-Württemberg der Stiftung Würth ging es um die berufliche Orientierung in der digitalen Transformation. In der Zukunft notwendige digitale Kompetenzen werden in unserer komplexen, von Unsicherheit geprägten Welt ergänzt, nicht ersetzt durch nach wie vor wichtige analoge Fähigkeiten. Dazu gehört für Verantwortliche in der beruflichen Orientierung in erster Linie, die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen zu unterstützen und ihnen Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen, z.B. durch Lernen in Projekten. Eine zeitgemäße berufliche Orientierung verlangt, die Jugendlichen als Individuen in den Blick zu nehmen und auch über die Pandemie hinaus die Vorteile der digitalen Möglichkeiten zu nutzen. Stefanie Hagenmüller machte deutlich, dass die berufliche Orientierung eine Kooperationsaufgabe darstellt, für die es außerschulische Partner und die Beteiligung der Eltern braucht. Der Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft zwingt sowohl Jugendliche als auch alle am Prozess der beruflichen Orientierung Beteiligte, sich regelmäßig selbst zu reflektieren und beispielsweise tradierte oder geschlechtsbezogene Rollenbilder zu überwinden. Nach der Veranstaltung kamen beim Veranstalter unterschiedliche Reaktionen an: „Vielen Dank für diesen heutigen Fachtag, es war wirklich ein großer Gewinn in die Zukunft zu blicken.“ Eine Berufsberaterin wünschte sich die Präsentationen zu erhalten mit dem Hinweis: In der Veranstaltung gestern gab es für mich sehr viele Anregungen und Informationen. 
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